Neuroregeneration nach Rückenmarksverletzung
Wenn winzige Roboter verletzte Nervenbahnen wieder verbinden
Zürcher Forschende entwickeln biohybride Mikroroboter, die Stammzellen gezielt an verletzte Stellen im Rückenmark transportieren. Tierexperimente zeigen bemerkenswerte Erfolge und eröffnen neue Perspektiven für die regenerative Medizin.
Ein durchtrenntes Rückenmark gilt bis heute als eine der größten Herausforderungen der Medizin. Werden die empfindlichen Nervenbahnen beschädigt, sind die Folgen oft dauerhaft: Lähmungen, der Verlust von Beweglichkeit und schwerwiegende Einschränkungen der Lebensqualität. Denn anders als viele andere Gewebe des Körpers besitzt das Rückenmark nur eine sehr begrenzte Fähigkeit zur Selbstheilung. Narbenbildung erschwert zusätzlich das Nachwachsen von Nervenfasern.
Vor diesem Hintergrund wirkt die Arbeit eines Forschungsteams der ETH Zürich und der Universität Zürich beinahe futuristisch. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben eine Technologie entwickelt, bei der winzige biohybride Mikroroboter Stammzellen präzise an den Ort einer Rückenmarksverletzung transportieren und dort deren Entwicklung zu Nervenzellen gezielt fördern. Die Ergebnisse wurden nun in der Fachzeitschrift Nature Materials veröffentlicht.
Stammzellen treffen Nanotechnologie
Die Grundidee verbindet Biologie und Nanotechnologie. Moderne regenerative Therapien setzen bereits auf Stammzellen, um geschädigtes Nervengewebe zu ersetzen. Bislang stoßen solche Ansätze jedoch an Grenzen: Die transplantierten Zellen überleben nicht immer, integrieren sich nicht zuverlässig in das bestehende Gewebe und benötigen häufig elektrische Stimulation, die über implantierte Elektroden erfolgt. Gerade im hochsensiblen Rückenmark sind solche Eingriffe problematisch.
Die Zürcher Forschenden wählen deshalb einen anderen Weg. Sie kombinierten neuronale Vorläuferzellen, sogenannte Neural Progenitor Cells (NPCs), mit speziell entwickelten magnetoelektrischen Nanopartikeln. Die Vorläuferzellen stammen aus induzierten pluripotenten Stammzellen, kurz iPS-Zellen. Dabei handelt es sich um gewöhnliche Körperzellen, die im Labor in einen stammzellähnlichen Zustand zurückversetzt werden und sich anschließend in unterschiedliche Zelltypen des Nervensystems entwickeln können.
Die Nanopartikel übernehmen dabei eine doppelte Aufgabe. Ihr innerer Kern reagiert auf Magnetfelder, während eine äußere Schicht die magnetische Reaktion in elektrische Signale umwandelt. Zusammen mit den Stammzell-Vorläufern entstehen daraus sogenannte NPC-Bots – winzige biohybride Mikroroboter, die biologisches und technisches Material miteinander verbinden.
Ein Labor auf einem Quadratzentimeter
Ihre Herstellung erfolgt auf engstem Raum. Die Forscher erzeugen die NPC-Bots in speziellen Lab-on-a-Chip-Systemen auf einer Fläche von nur einem Quadratzentimeter. Professor Salvador Pané i Vidal vom Multi-Scale Robotics Lab der ETH Zürich beschreibt den Prozess so: „Wir platzieren in der Mitte ein Reservoir, in dem wir die Zellen festhalten. Dann injizieren wir die Nanopartikel und warten, bis sich die beiden Komponenten miteinander verbinden.“
Nach nur 30 Minuten sind die rund sechs Mikrometer großen Strukturen einsatzbereit. Für Experimente werden allerdings enorme Mengen benötigt.
„Um die Herstellung zu skalieren, betreiben wir mehrere Lab-on-a-Chip-Systeme parallel“, erklärt Hao Ye, Senior Scientist an der ETH Zürich und Erstautor der Studie. Für Zellversuche seien Hunderttausende NPC-Bots erforderlich, für Tierversuche sogar mehrere Millionen.
Erfolge im Zebrafisch-Modell
Getestet wurde die Technologie zunächst an Zebrafischlarven. Das Tiermodell spielt in der Regenerationsforschung eine besondere Rolle, weil Zebrafische die Fähigkeit besitzen, geschädigtes Nervengewebe vergleichsweise gut zu erneuern. Die Forschenden injizierten die NPC-Bots direkt in die verletzten Bereiche des Rückenmarks und setzten die Tiere anschließend elektromagnetischen Feldern aus.
Die Ergebnisse waren laut der Forschenden bemerkenswert. Bereits nach drei Tagen zeigten die verletzten Tiere nahezu normales Schwimm- und Erkundungsverhalten. Für Pané i Vidal war dies auch das Resultat einer engen Zusammenarbeit zwischen den beteiligten Forschungsgruppen: „Stephan Neuhauss und Jingjing Zang an der Universität Zürich haben äußerst wertvolle Arbeit geleistet. Sie haben es uns ermöglicht, in einem gut charakterisierten regenerativen Modellsystem zu zeigen, wie schnell sich die Zellen mit unserer Methode differenzieren und wie unsere Bots das Rückenmark reparieren.“
Auch bei Mäusen regenerieren sich Nervenverbindungen
Noch wichtiger aber war ein zweiter Versuch. Die Forschenden testeten ihre Technologie auch an Mäusen mit vollständig durchtrenntem Rückenmark. Das ist ein Modell, das der menschlichen Situation deutlich näherkommt. Anders als Zebrafische verfügen Mäuse nicht über die Fähigkeit, das Rückenmark von selbst zu regenerieren.
Dennoch konnten die Wissenschaftler nach 28 Tagen beobachten, dass sich Nervenzellen im Bereich der Verletzung erneut miteinander verbunden hatten. Parallel dazu verbesserten sich Gangbild, Schrittlänge, Koordination und Explorationsverhalten der behandelten Tiere deutlich. Hinweise auf unerwünschte Nebenwirkungen oder Immunreaktionen fanden sich nicht.
Präzise Stimulation ohne implantierte Elektroden
Möglich werden diese Effekte durch die besondere Eigenschaft der Nanopartikel. Sie wandeln von außen angelegte Magnetfelder direkt in elektrische Impulse um, die wiederum die Stammzellen stimulieren. Anders als bei bisherigen Verfahren sind dafür keine implantierten Elektroden oder Kabel notwendig. Die Stimulation erfolgt von außen und damit deutlich schonender.
„Die mikrorobotische Steuerung macht die Behandlung präziser und minimalinvasiv“, erklärt Hao Ye.
Magnetfelder eignen sich für diesen Ansatz besonders gut, weil sie Gewebe nahezu ungehindert durchdringen und sich ihre Stärke sowie Frequenz flexibel anpassen lassen. Nach abgeschlossener Differenzierung der Vorläuferzellen verlieren die NPC-Bots ihre Funktion und lösen sich weitgehend im Gewebe auf. Die Forschenden gehen davon aus, dass die verwendeten Nanopartikel aufgrund ihrer Bariumtitanat-Beschichtung stabil und biologisch wenig reaktiv sind. Ob und wie sie langfristig abgebaut oder ausgeschieden werden, soll nun in weiteren Studien untersucht werden.
Noch kein Einsatz beim Menschen
Bis zu einer Anwendung beim Menschen dürfte allerdings noch einige Zeit vergehen. Zahlreiche klinische Fragen sind offen, ebenso die optimale Gestaltung der Magnetfeldstimulation.
„Neben vielen klinischen Aspekten müssen wir zunächst untersuchen, welche Magnetfelder beim Menschen am besten funktionieren, und die optimale Dauer der Stimulation bestimmen“, sagt Hao Ye.
Plattform für die regenerative Medizin
Die Forschenden sehen ihre Entwicklung deshalb nicht nur als möglichen Therapieansatz für Rückenmarksverletzungen, sondern als technologische Grundlage für weitere Anwendungen in der regenerativen Medizin. „Die reproduzierbare und skalierbare Herstellung von Mikrorobotern mit unserem Lab-on-a-Chip-System zeigt, dass das Anwendungspotenzial der Plattform über die Grundlagenforschung hinausgeht“, erklärt Professor Pané i Vidal.
Denkbar seien künftig Anwendungen in der Kardiologie, der Onkologie, der Wundheilung und in weiteren Bereichen der regenerativen Medizin. Sollte sich das Konzept bewähren, könnten Mikroroboter eines Tages helfen, Therapien präziser, schonender und wirksamer zu machen.
Noch ist dieser Weg lang. Doch die Vorstellung, beschädigte Nervenbahnen mithilfe winziger steuerbarer Helfer wieder miteinander zu verbinden, hat die Schwelle von der Vision zum experimentellen Nachweis überschritten.
Originalpublikation:
Ye, H., Zang, J., Zhu, J., von Arx, D., Zhao, J., Pustovalov, V., Mao, M., Tang, Q., Veciana, A., Torlakcik, H., Zhang, E., Sevim, S., Sanchis-Gual, R., Gao, Q., Chen, X., Ahmed, D., Sanchez-Vives, M., Puigmartí-Luis, J., Luo, C., Nelson, B., Neuhauss, S., & Pané, S. (2026). Magnetoelectric microrobots for spinal cord injury regeneration. Nature Materials. DOI:10.1038/s41563-026-02625-3
Quelle: ETH Zürich












